Dienstag, 13. Februar 2018

Zur Geschichte der Interreligiösen Arbeitsstelle (INTR°A) --- aktualisiert ---

INTR°A-Signet (Entwurf: Karin Kirste)
Die Anfänge
In den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts erweiterten sich im südwestfälischen Raum die interreligiösen Kontakte, die von verschiedenen Gruppierungen, Kirchengemeinden und besonders von der Ev. Akademie Iserlohn, von der Universität Dortmund und der kirchlichen Lehrerfortbildung gepflegt wurden. So kam zuerst zum christlich-jüdischen Dialog der Islam hinzu. Dann wurde deutlich, dass der Dialog der drei monotheistischen Religionen („Trialog“) eigentlich nur ein Sonderfall des interreligiösen Dialogs ist. 
Darum taten sich verstärkt Interessierte aus Theologie, Religionswissenschaft, Pädagogik und Ökonomie zusammen, um intensiver zu reflektieren, warum, weshalb und wie Menschen unterschiedlichen Glaubens eine gemeinsame Ebene finden können und welche die kulturellen, philosophischen und theologischen Grundlagen und Bedingungen sind.
Die entscheidenden Anstöße kamen von Professor Dr. Paul Schwarzenau (Universität Dortmund), Prof. Dr. Udo Tworuschka (Universität zu Köln, später Universität Jena) und Pfarrer Dr. Reinhard Kirste (Schulreferent in Iserlohn).  
Eingang zur Arbeitsstelle
"ENGEL DER KULTUREN"
Als Rahmen dieser Initiative wurde im Februar 1989 eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die sich im September 1990 als Interreligiöse Arbeitsstelle (INTR°A) in Iserlohn konstituierte und sich bald darauf als e.V. eintragen ließ.
INTR°A-Adresse: Am Hardtkopf 17, 58769 Nachrodt-Wiblingwerde


                 Leitlinien
Als Intentionen wurden herausgestellt, dass insgesamt der Gedanke von Toleranz und Versöhnung umfassend gefördert werden soll. Angesichts der Tatsache, dass unsere Welt durch mannigfaltige tödliche Bedrohungen herausgefordert wird, ist die Begegnung von Menschen verschiedener religiöser Traditionen ein „Muss“, gerade um Zukunft
verantwortlich ein Stück weit mitzugestalten.                

Als Motto gilt dabei das Wort eines der Mitbegründer von INTR°A,
des im November 2006 verstorbenen Dortmunder Theologen und Religionswissenschaftlers Paul Schwarzenau:
 

„Alle Religionen bedürfen einander, nicht nur in ihren Gemeinsamkeiten, sondern gerade auch in ihren Unterschieden, durch die sie einander ergänzen. Wir sollen in der eigenen Religion daheim und in der anderen Gäste sein, Gäste, nicht Fremde“.
 

Bei INTR°A wird also der Komplementaritätsgedanke wichtig, der sich sowohl in der wissenschaftlichen Arbeit wie in den praktischen Begegnungen und der Unterstützung interreligiöser Projekte ausdrückt: Gegenseitiges Verständnis und harmonisches Zusammenleben können nur auf einer Basis realisiert werden, in der der „Andere" als sinnvoll und notwendig für die eigene Identität und Authentizität angesehen wird.
INTR°A hat für das interreligiöse Gesamtkonzept mehrfach überarbeitete Leitlinien entwickelt, die für die Arbeit wesentlich sind. Sie zeigen große Nähe zu religionspluralistischen Theologien.

1.  Dialog kann nur sinnvoll zwischen gleichwertigen Partnerinnen
    und Partnern geschehen.

2.  Absolutheitsansprüche einzelner Religionen (wie auch des Christentums) dürfen sich nur auf die Verbindlichkeit des eigenen Glaubens beziehen. Das erlaubt kein noch so verdecktes inklusives Denken, das die anderen religiösen Traditionen in irgendeiner Form als minder-wertig einstuft. Es erlaubt aber auch kein inklusives Vereinnahmen („anonyme“ Christen, Buddhisten, Muslime usw.).

3.  Das Missionsverständnis (besonders des christlichen Glaubens) ist im 
Sinne eines persönlichen Zeugnisses und Engagements zu interpretieren, ohne dabei die anderen zur eigenen Glaubensweise bekehren zu wollen.


4.  Die verschiedenen Religionen drücken nicht endgültige Wahrheit aus.
Sie sind sprachliche, rituelle und spirituelle Annäherungen an das Transzendente. Ihre Aussagen sind vorläufig und bleiben revisionsbedürftig.

5.  Religionen sind eingebunden in vielfältige Kulturen und differierende Denkweisen. Sie sind darum als unterschiedliche Wege zum Heil zu verstehen.

6.  In einer globalisierten Welt kann keine Religion mehr für sich leben, sondern nur in Beziehung mit anderen. Interreligiöse Begegnung ist darum Herausforderung und Bereicherung zugleich, m.a.W. die anderen religiösen Anschauungen sind notwendig im Sinne der Komplementarität als des ergänzenden Verstehens durch den Anderen.
 

Die Mitglieder von INTR°A stammen aus Europa, den USA und aus Asien
(87 Mitglieder, Stand: 31.12.2017). Die meisten kommen aus Deutschland, den Niederlanden und Großbritannien, einige jedoch auch aus Indien und den USA. Sie treffen sich zu thematisch orientierter Arbeit (auf Konferenzen und Tagungen) und zu praktischen Begegnungen mit anderen Religionen, wobei eine Reihe von Kontakten mit islamischen, hinduistischen und buddhistischen Gruppierungen und Einzelpersonen, sowie Vertretern der Baha'i-Religion bestehen. Darüber hinaus wird der Kontakt zu Einrichtungen besonders gepflegt, die den Gedanken der Multikulturalität und Interreligiosität modellhaft umsetzen.


Auch bekannte Wissenschaftler/innen sind bzw. waren Mitglieder.
Zu den verstorbenen Persönlichkeiten zählten u.a.:

  •      Prof. Dr. Herlinde PISSAREK-HUDELIST, Innsbruck (05.06.1932 – 20.06.1994),
         Letzte Assistentin von Karl Rahner 
  •     Prof. Dr. Abdoldjavad FALATURI, Köln / Hamburg (19.01.1926 – 30.12.1996)
  •      Prof. Dr. Dr. Annemarie SCHIMMEL, Bonn (07.04.1923 – 26.01.03)
  •      Prof. Dr. Paul Schwarzenau, Dortmund (19.09.1923 - 06.11.2006)              
  •      Prof. Dr. Míkel de EPALZA, Alicante, Spanien (18.02.1938 – 06.12.2008)
  •      Prof. Dr. Herbert Schultze, Hamburg (1928 - 06.06.2006)
  •     Prof. Hasan ASKARI, Pudsey, West Yorkshire [UK] (1932-2008)
  •     Prof. Dr. mult. John Hick, Birmingham [UK] (20.01.1922 – 09.02.2012) 
  •      Prof. Dr. Dr. Ulrich SCHOEN, Hannover  (03.10.1926 - 12.08.2016)
  •      Rabbiner Lionel BLUE, London  (06.02.1930 - 19.12.2016)  






Die religionswissenschaftliche und religionspädagogische Arbeit
Die Arbeitsstelle wird von einer Reihe  interreligiös engagierter Persönlichkeiten kompetent beraten, zumal diese verschiedenen religiösen Traditionen angehören.
Forschungsmöglichkeiten, Projekte interreligiösen Lernens und vertiefte Informationen sollen nicht nur durch praktische Begegnungen, Konferenzen, Meditationen und durch die Aufarbeitung einschlägiger Literatur ausgeweitet und weiter vermittelt werden, sondern auch durch ein Kontinuum, das diese Arbeit reflektiert. 
Das geschah von 1990 bis 2006 in besonderer Weise durch die Reihe
Religionen im Gespräch (RIG 1-9)
, umfangreiche Bände, die alle zwei Jahre erschienen und Schwerpunktthemen des interreligiösen Dialogs aufnahmen. 

Diese Arbeit wurde von einem
Beirat 
begleitet, dem bekannte
WissenschaftlerInnen angehörten. 
Alle RIG-Bände sind durch einen gleichen Aufbau in ihrer Struktur überschaubar und sollen damit das systematische Arbeiten erleichtern. So gehören neben der Bearbeitung eines Themenschwerpunktes, Grundsatzbeiträge, Berichte und Dokumente dazu. Sie wurden durch Rezensionen und Bibliografien ergänzt.

Die einzelnen RIG-Themen
von 1990 bis 2006:
 

Alle RIG-Inhaltsverzeichnisse: hier
  • RIG 1/1990: Gemeinsam vor Gott. Religionen im Gespräch
  • RIG 2/1992: Engel – Elemente – Energien
  • RIG 3/1994: Interreligiöser Dialog zwischen Tradition und Moderne
  • RIG 4/1996: Wertewandel und religiöse Umbrüche
  • RIG 5/1998: Die dialogische Kraft des Mystischen
  • RIG 6/2000: Hoffnungszeichen globaler Gemeinschaft
  • RIG 7/2002: Neue Herausforderungen für den interreligiösen Dialog
  • RIG 8/2004: Wegmarken zur Transzendenz.
                       Interreligiöse Aspekte des Pilgerns.
  • RIG 9/2006: Europa im Orient – der Orient in Europa
Auswahl von Texten aus RIG 1 - RIG 9 zum Download: hier

In den Jahren 1998 und 1999 erschienen außerdem die Reihe
Interreligiöse Horizonte (IH) in 5 Bänden (Böhlau-Verlag Köln), u.a. mit einer Festschrift für Paul Schwarzenau zum 75. Geburtstag und zwei weitere Bände mit Aufsätzen des Jubilars.
Inhaltsverzeichnisse aller 5 Bände: hier


Außerhalb der Reihe wurden Texte der INTR°A-Mitglieder John Hick
und Míkel de Epalza publiziert (Verlag Lembeck Frankfurt/M.)

  • John Hick: Gott und seine vielen Namen.
    2001, 2. Aufl. 2002, 215  S. --- 
    Überarbeitete und aktualisierte und erweiterte Auflage 2012 

    als PDF-Datei: hier
  • Míkel de Epalza: Jesus zwischen Juden, Christen und Muslimen. ---- Interreligiöses Zusammenleben auf der Iberischen Halbinsel (6. - 17. Jahrhundert)
    --- 2002, 303 S. --- Aktualisierte und erweiterte Auflage 2012

    als PDF-Datei: hier
Die Schnittstelle zwischen religionspädagogischer Praxis und
wissenschaftlicher Analyse bildete die Heftreihe: 


Iserlohner Con-Texte (ICT)
mit insgesamt 18 Ausgaben von 1983 bis  2003.
Herausgeber: Paul Schwarzenau und Reinhard Kirste
Einige dieser Hefte wurden überarbeitet und als PDF-Datei
2009 und 2010 neu herausgegeben.
Alle Informationen zu den ICT-Heften: hier


Nach dem Auslaufen der RIG-Reihe im Jahr 2006 erfolgen Veröffentlichungen wesentlich stärker über das Internet und durch Aufsätze, Buchbeiträge und Bücher der jeweiligen Autorinnen und Autoren. Die Digitalisierung und die verstärkte Arbeit mit dem Internet hat dazu geführt, dass sich auch die Strukturen der Recherche geändert haben. Es geht inzwischen weniger um die Ausleihe von Büchern als um die Möglichkeit des digitalen Direktzugangs. Die Verbindung zur InterReligiösen Bibliothek (IRB) erweist sich von daher zunehmend als sinnvolle kooperative Schnittstelle. Dazu gehört auch als Orientierung die Dialog-Übersichtsseite sowie die Nachrichtenseite aus Religion und Welt  in den Blogs von Reinhard Kirste.  

Für die gesamte Arbeit spielten die INTR°A-Jahrestagungen als Begegnungs- und Austauschmöglichkeit nicht nur für die Mitglieder eine große Rolle:
Dokumentation aller Tagungen von 1990-2016: hier


Der INTR°A-Projektpreis für Komplementarität der Religionen
Als besonderen Höhepunkt der INTR°A-Arbeit muss jedoch die jährliche Verleihung des INTR°A-Projektpreises für Komplementarität der Religionen seit dem Jahr 2000 gelten. Die Arbeitsstelle vergibt diesen Preis in Höhe von 5000 € (durch freundliche Zuwendung der Stiftung „Apfelbaum“ aus Köln), um so zukunftsweisende Projekte interreligiöser Begegnung zu fördern. Diese sollten bereits den Erweis einer nachhaltigen Wirkung erbracht haben, m.a.W. der Preis geht an Einrichtungen, Gruppen und auch Einzelpersonen, die ein Projekt interreligiösen Charakters entwickelt und durchgeführt haben. Wie der öffentlichen Ausschreibung entnommen werden kann, soll das Projekt im wissenschaftlichen, erzieherischen, schulischen, ökonomischen, juristischen, also im umfassend gesellschaftlichen Kontext angesiedelt sein. Die Verleihung fand bisher im Rahmen einer Tagung statt.

Kooperationen und Personen
INTR°A unterhält Kontakte zu in- und ausländischen, ebenfalls interkulturell arbeitenden Einrichtungen. 
Eine Übersicht: hier

INTR°A finanziert sich allein aus Spenden. Die gesamte Arbeit geschieht bisher ehrenamtlich. Das setzt natürlich ein Engagement der Mitglieder voraus, das sich zum einen regional auswirkt und zum anderen Mitarbeiten an Projekten, Tagungen und Buchveröffentlichungen betrifft, die überregional geplant sind.

Zum INTR°A-Vorstand gehören seit der Neu- bzw. Wiederwahl im November 2012
(Neuwahl November 2018):
  • Prof. Dr. Udo Tworuschka, Bad Münstereifel, (Vorsitzender), 
  • Dozentin Dr. Alice Schumann, Köln (stellvertretende Vorsitzende), 
  • Pfarrer Dr. Reinhard Kirste, (Koordination)
  • Schulreferent Bart ten Broek, Den Haag, Niederlande, 
  • Lektorin Silke Wollinger-Helwig, Esslingen. 
  • Kooptiert wurden:
    Werner Heidenreich, Köln und Rabeya Müller, Köln

Ältere Berichte von Reinhard Kirste
über die Interreligiöse Arbeitsstelle (INTR°A): 
  • Die Interreligiöse Arbeitsstelle (INTR°A) in Nachrodt
    (RIG 2/1992, S. 502-508
  • Interreligiöse Arbeitststelle (INTR°A).
    Interreligiöse Begegnungen und das Experiment
    des West-östlichen Divans. Zwischenbilanz 1995-1998
    (RIG 5/1998, S. 543-548)
  • Die Interreligiöse Arbeitsstelle (INTR°A) e.V.:
    Begegnung der Religionen in Praxis und Theorie.
    In: Johannes Lähnemann (Hg.): Visionen wahr machen. Interreligiöse Bildung auf dem Prüfstand. Referate und Ergebnisse des Nürnberger Forums 2006. Pädagogische Beiträge zur Kulturbegegnung Bd. 26. Hamburg: EB-Verlag 2007, S. 222–228
  • The Institute of Interreligious Studies in Germany - Interreligiöse Arbeitsstelle (INTR°A) e.V.
    (Panorama  Vol. 19 / Summer-Winter 2007, p. 14-16)
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